Dresden: Die Waldschlösschenbrücke. (Foto: M. B.)
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Montag, 17. Oktober 2011

Vom Armeemuseum zur Antikriegs-Show

Was und wer hinter der neuen Dauerausstellung des Militärhistorischen Museums steckt

(Waren zuständig für Konzeption und Gestaltung der neuen Ausstellung des Militärhistorischen Museums in Dresden: Barbara Holzer und HG Merz. – Foto: HG Merz Architekten Museumsgestalter / Lukas Veltrusky)

Der Berg an Aufgaben für die Ausstellungsmacher des Militärhistorischen Museums schien gigantisch. Etwa 8000 Exponate, von ganz kleinen bis zu sehr großen, von der kleinsten Anstecknadel über die Feldpostkarte bis zur »V-2« und einer Raumkapsel, mussten zu einer auf 10.000 Quadratmetern Fläche präsentierten Ausstellung komponiert werden, die der Besucher auf einem über 1350 Meter langen Rundgang »erlaufen« kann.

Konzeption und Gestaltung lagen in der Verantwortung eines externen Teams, das nach einem Wettbewerbsverfahren gefunden wurde: die Arbeitsgemeinschaft HG Merz Architekten Museumsgestalter und Holzer Kobler Architekturen erhielt dafür den Zuschlag. »Aufgabe war es«, so Barbara Holzer, eine der beiden Chefs von Holzer Kobler Architekturen, »die inhaltliche Neuausrichtung des Museums in ein räumliches, mit dem Gebäude korrespondierendes Konzept zu übersetzen und als Ausstellung zu inszenieren. «

Allein die Sichtung der im bisherigen Museum vorhandenen Objekte und die Überlegungen zu deren Eignung für die künftige Ausstellung erforderten in den Jahren 2006 und 2009 zwei ausführliche, je mehrere Monate dauernde Analyserundgänge durch den Bestand der Objekte. Daran anknüpfend folgten die – zunächst gedankliche – Anordnung all dieser Exponate in Vitrinen, auf weiteren Präsentationsplattformen und die Zuordnung zu Räumen nach vorgegebenen »Drehbüchern«, die Auswahl und die Beschaffung von Ergänzungsexponaten (wenn die vorhandenen Objekte für die Realisierung einer Idee nicht genügten) sowie das Entwickeln von technischen Machbarkeitsideen. Das Gewicht eines Panzers musste baustatisch ebenso berücksichtigt werden wie logistisch der Transport einer etwa 14 Meter hohen V-2 innerhalb der Gänge und Treppen.
Auch die Beschriftung von mehreren tausend räumlich-geometrisch völlig verschiedenartigen Exponaten ist eine Mammutaufgabe, die organisiert sein wollte – insbesondere, da die dazugehörigen Texte nicht einfach schon vorlagen, sondern teilweise im Kampf zwischen Formulierungskürze und Erklärungsehrgeiz den wissenschaftlichen Partnern abgerungen werden mussten.

Das Ganze war in planerischer, organisatorischer und ausstellungsbaulicher Sicht eine Herausforderung, vor der hier in Dresden in dieser Weise wohl noch kein anderes Museum stand. Für den Erfolg war Barbara Holzer zufolge »der intensive Austausch und die Kommunikation zwischen allen Beteiligten über mehrere Jahre hinweg entscheidend«. Zu denen gehörte, so Holzer, neben den Ausstellungsgestaltern, Architekten und dem Museumsteam auch ein wissenschaftlicher Beirat.

Eine Herausforderung war auch die veränderte Grundaussage der nunmehrigen Ausstellung im Vergleich zur früheren. Es ist nun kein »Armeemuseum« mehr. Aber ist es ein »Antikriegs-Museum«? Barbara Holzer: »Diese besondere Darstellung der Militärgeschichte als Teil der Kulturgeschichte lässt sich schwer einordnen, da es nicht mit einem klassischen historischen Museum und auch nicht mit einem typischen militärgeschichtlichen Museum vergleichbar ist.« Der von Daniel Libeskind entworfene Neubau (Keil) habe dabei ganz einzigartige Möglichkeiten geboten, unkonventionell zu arbeiten, beispielweise durch die sogenannten vertikalen Vitrinen, die großformatige Exponate und Blickbeziehungen zwischen den verschiedenen Themenbereichen ermöglichen.
Konsequenz des jetzigen Konzeptes ist, dass nun auch Fragen aufgeworfen werden. Ist die attraktive Antikriegs-Show der Schafspelz um den oder der Spiegel vor dem Wolf? Oder verdeutlicht sie, dass der Wolf eigentlich ein Schaf ist? Fragen, die das Vorgängermuseum nicht provoziert hat.

Das Büro Holzer Kobler Architekturen aus Zürich gehört zu den international anerkannten Architekturbüros mit einem breit gefächerten Tätigkeitsfeld, das von Städtebau und Architektur bis zu Szenografie und Ausstellungsgestaltung reicht..

Zu den Erfolgen der letzten Jahre zählen unter anderem das mehrfach ausgezeichnete Besucherzentrum und Aussichtsturm Arche Nebra (2007), mit dem das Büro in Deutschland bekannt wurde, sowie die Dauerausstellungen des Weltnaturerbes Grube Messel (2010). Darüber hinaus gehören zu den Erfolgen in der Schweiz die neue Dauerausstellung im Schweizerischen Landesmuseum (2009) sowie die städtebauliche Planung und Umsetzung für das Suurstoffi Areal in Risch-Rotkreuz mit Funktionen wie Verkauf, Wohnen, Büro.

Mathias Bäumel

(Dies ist ein im Auftrag der Dresdner Neuesten Nachrichten geschriebener Beitrag, der dort auch – leicht gekürzt – in der Ausgabe vom 15./16. Oktober 2011 erschienen ist. Hier der vollständige Text.)

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