Dresden: Die Waldschlösschenbrücke. (Foto: M. B.)
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Montag, 28. November 2011

Gonzalo Rubalcaba debütierte in Dresden schon 1992 – natürlich in der »Tonne«

(Dresdner Neueste Nachrichten, 5. Juni 1992, Seite 10, Ausriss)

Die diesjährigen Dresdner Jazztage lockten das Publikum auch mit einem besonderen Angebot. Auf der Webseite des Veranstalters wurde behauptet, der Pianist Gonzalo Rubalcaba gäbe zur Piano-Nacht am 10. November 2011 sein »Dresden-Debüt« (Web Site aufgerufen am 28. November 2011).

Das jedoch ist falsch. Der Kubaner spielte bereits etwa 19 Jahre früher erstmals in Dresden, natürlich in der »Tonne«!

Übersehen oder gar vergessen konnte man den damaligen Dresdner Auftritt Gonzalo Rubalcabas am 3. Juni 1992 nicht, denn das Konzert war sogar als »Highlight des Monats« ausgewiesen.
Geplant war die Show des 1963 in Havanna geborenen kubanischen Starpianisten im Trio zusammen mit dem Bassisten Charlie Haden und dem Perkussionisten Julio Baretto. Doch die beiden Mitmusiker sagten urplötzlich wegen einer kurzfristigen Erkrankung Hadens ab.

Das auf diese Weise zum Solo-Auftritt gewordene Konzert sorgte für Begeisterungsstürme und erhielt eine überschwängliche Presse.

Die Dresdner Neuesten Nachrichten nahmen Bezug auf den krankheitsbedingten Wegfall Hadens und feierten Rubalcaba in der Ausgabe vom 5. Juni 1992 mit der Überschrift »Rubalcaba braucht keinen Haden – Faszinierendes Konzert des Kubaners in der Tonne«.
Und der Rezensent weiter: »Getragenes, Wohlüberlegtes, eindeutig Akzentuiertes war die Stärke des Spiels des Kubaners. Langsam fallende Melodielinien, die häufig von energischen Stopps aufgefangen wurden, kennzeichneten nicht selten die meist ins Moll sich entwickelnden Stücke. Ernsthaftigkeit und Kalkül überwogen bei weitem das Spielerische, und dennoch entstand nie der Eindruck des Konstruierten. ... Wie faszinierend Rubalcaba die Balance zwischen Ambition und Vergnügen hielt, zeigte sich auch an seinem Umgang mit musikalischen Zitaten. Während andere Musiker Zitate nutzen, um mit dem zu Klang gewordenen Wissen um die Jazzgeschichte zu brillieren, lässt Rubalcaba Zitate nur so kurz – man könnte fast ›impressionistisch‹ sagen – anklingen, dass sie eine eher atmosphärische Wirkung haben. ... «

Zurück zur aktuellen Behauptung des Jazztage-Veranstalters. Der nämlich war 1992 noch kein Dresdner. Vielleicht suchte er nach einem Superlativ, um sein Rubalcaba-Konzert besser bewerben zu können. Vielleicht kam ihm dabei eine Denkweise des »Ersten, Größten, Besten« am nächsten. Vielleicht hat er einfach angenommen, der Pianist könne früher ja noch gar nicht in Dresden gewesen sein. Vielleicht hat er sogar beim Agenten des Künstlers nachgefragt, der ihm das vielleicht sogar bestätigte. Vielleicht fand diese Behauptung auf diese Weise den Weg ins Werbematerial. Von hier wird unkritisch übernommen, schnell formuliert, nachgeplappert – von Journalisten, die die Dresdner Szene von 1992 ebenfalls nicht aus eigenem Erleben kennen konnten …

Und so erhält eine Falschmeldung den Status einer seriösen Information – eigentlich von niemandem so recht verschuldet. Zum Vorteil für die einen und zum Nachteil für die anderen.

Dass ein kommerziell arbeitender Veranstalter viel Geld in die Hand nimmt, um gute Musik in die Stadt zu holen, ist keine schlechte Sache. Dass aber früher wie heute auch gemeinnützige Vereine hart arbeite(te)n, um mit sehr geringen Finanzmitteln künstlerisch Exzellentes und Innovatives ans Licht der Öffentlichkeit zu heben, sollte auf keinen Fall vergessen oder gar verschwiegen werden.
Im Gegenteil: Gerade das sollte besonders herausgehoben werden.

Doch diese Vereine – in diesem Falle auch die »Tonne« – spüren ständig die Folgen ihres Handelns. Sie können die schnell steigenden Gagen ihrer »Entdeckungen« nicht mehr bezahlen – die öffentlichen Meriten erhalten nicht selten andere.

Mathias Bäumel

Kommentare:

  1. Tja, das konzert konnte ich mir damals auch noch leisten und so ein, zwei biere dazu. guter artikel damals über gonzalo rubalcaba.

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