Dresden: Die Waldschlösschenbrücke. (Foto: M. B.)
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Montag, 28. November 2011

Gonzalo Rubalcaba debütierte in Dresden schon 1992 – natürlich in der »Tonne«

(Dresdner Neueste Nachrichten, 5. Juni 1992, Seite 10, Ausriss)

Die diesjährigen Dresdner Jazztage lockten das Publikum auch mit einem besonderen Angebot. Auf der Webseite des Veranstalters wurde behauptet, der Pianist Gonzalo Rubalcaba gäbe zur Piano-Nacht am 10. November 2011 sein »Dresden-Debüt« (Web Site aufgerufen am 28. November 2011).

Das jedoch ist falsch. Der Kubaner spielte bereits etwa 19 Jahre früher erstmals in Dresden, natürlich in der »Tonne«!

Übersehen oder gar vergessen konnte man den damaligen Dresdner Auftritt Gonzalo Rubalcabas am 3. Juni 1992 nicht, denn das Konzert war sogar als »Highlight des Monats« ausgewiesen.
Geplant war die Show des 1963 in Havanna geborenen kubanischen Starpianisten im Trio zusammen mit dem Bassisten Charlie Haden und dem Perkussionisten Julio Baretto. Doch die beiden Mitmusiker sagten urplötzlich wegen einer kurzfristigen Erkrankung Hadens ab.

Das auf diese Weise zum Solo-Auftritt gewordene Konzert sorgte für Begeisterungsstürme und erhielt eine überschwängliche Presse.

Die Dresdner Neuesten Nachrichten nahmen Bezug auf den krankheitsbedingten Wegfall Hadens und feierten Rubalcaba in der Ausgabe vom 5. Juni 1992 mit der Überschrift »Rubalcaba braucht keinen Haden – Faszinierendes Konzert des Kubaners in der Tonne«.
Und der Rezensent weiter: »Getragenes, Wohlüberlegtes, eindeutig Akzentuiertes war die Stärke des Spiels des Kubaners. Langsam fallende Melodielinien, die häufig von energischen Stopps aufgefangen wurden, kennzeichneten nicht selten die meist ins Moll sich entwickelnden Stücke. Ernsthaftigkeit und Kalkül überwogen bei weitem das Spielerische, und dennoch entstand nie der Eindruck des Konstruierten. ... Wie faszinierend Rubalcaba die Balance zwischen Ambition und Vergnügen hielt, zeigte sich auch an seinem Umgang mit musikalischen Zitaten. Während andere Musiker Zitate nutzen, um mit dem zu Klang gewordenen Wissen um die Jazzgeschichte zu brillieren, lässt Rubalcaba Zitate nur so kurz – man könnte fast ›impressionistisch‹ sagen – anklingen, dass sie eine eher atmosphärische Wirkung haben. ... «

Zurück zur aktuellen Behauptung des Jazztage-Veranstalters. Der nämlich war 1992 noch kein Dresdner. Vielleicht suchte er nach einem Superlativ, um sein Rubalcaba-Konzert besser bewerben zu können. Vielleicht kam ihm dabei eine Denkweise des »Ersten, Größten, Besten« am nächsten. Vielleicht hat er einfach angenommen, der Pianist könne früher ja noch gar nicht in Dresden gewesen sein. Vielleicht hat er sogar beim Agenten des Künstlers nachgefragt, der ihm das vielleicht sogar bestätigte. Vielleicht fand diese Behauptung auf diese Weise den Weg ins Werbematerial. Von hier wird unkritisch übernommen, schnell formuliert, nachgeplappert – von Journalisten, die die Dresdner Szene von 1992 ebenfalls nicht aus eigenem Erleben kennen konnten …

Und so erhält eine Falschmeldung den Status einer seriösen Information – eigentlich von niemandem so recht verschuldet. Zum Vorteil für die einen und zum Nachteil für die anderen.

Dass ein kommerziell arbeitender Veranstalter viel Geld in die Hand nimmt, um gute Musik in die Stadt zu holen, ist keine schlechte Sache. Dass aber früher wie heute auch gemeinnützige Vereine hart arbeite(te)n, um mit sehr geringen Finanzmitteln künstlerisch Exzellentes und Innovatives ans Licht der Öffentlichkeit zu heben, sollte auf keinen Fall vergessen oder gar verschwiegen werden.
Im Gegenteil: Gerade das sollte besonders herausgehoben werden.

Doch diese Vereine – in diesem Falle auch die »Tonne« – spüren ständig die Folgen ihres Handelns. Sie können die schnell steigenden Gagen ihrer »Entdeckungen« nicht mehr bezahlen – die öffentlichen Meriten erhalten nicht selten andere.

Mathias Bäumel

Freitag, 21. Oktober 2011

Exquisites für Kino-Freunde: Andreas Körner im Gespräch mit Bohdan Sláma

Am Sonntag, den 23. Oktober 2011, gibt es im Dresdner Programmkino Ost etwas wirklich Exqusites:

In der neuen Veranstaltungsreihe KÖRNERS CORNER erleben wir ab 17.30 Uhr den bekannten Kultur- und Filmjournalisten Andreas Körner im Gespräch mit dem tschechischen Regisseur Bohdan Sláma. Eine einmalige Gelegenheit, direkt und authentisch mehr über die Arbeit dieses Regisseurs der mehrfach preisgekrönten (aber selten gespielten) Filme »Der Dorflehrer« und »Die Jahreszeit des Glücks« zu erfahren und ihm auch persönlich zu begegnen.
Genaueres hier.

Zuvor und danach kann man sich noch einmal (oder erstmalig) die beiden wichtigsten und wirklich beeindruckenden Sláma-Filme anschauen, die durch einen feinsinnigen, schmerzenden, warmherzigen, melancholisch anmutenden Realismus bestechen:

15 Uhr: »Der Dorflehrer«

19.30 Uhr: »Die Jahreszeit des Glücks«

Alles sehr empfehlenswert!

M. B.

Montag, 17. Oktober 2011

Vom Armeemuseum zur Antikriegs-Show

Was und wer hinter der neuen Dauerausstellung des Militärhistorischen Museums steckt

(Waren zuständig für Konzeption und Gestaltung der neuen Ausstellung des Militärhistorischen Museums in Dresden: Barbara Holzer und HG Merz. – Foto: HG Merz Architekten Museumsgestalter / Lukas Veltrusky)

Der Berg an Aufgaben für die Ausstellungsmacher des Militärhistorischen Museums schien gigantisch. Etwa 8000 Exponate, von ganz kleinen bis zu sehr großen, von der kleinsten Anstecknadel über die Feldpostkarte bis zur »V-2« und einer Raumkapsel, mussten zu einer auf 10.000 Quadratmetern Fläche präsentierten Ausstellung komponiert werden, die der Besucher auf einem über 1350 Meter langen Rundgang »erlaufen« kann.

Konzeption und Gestaltung lagen in der Verantwortung eines externen Teams, das nach einem Wettbewerbsverfahren gefunden wurde: die Arbeitsgemeinschaft HG Merz Architekten Museumsgestalter und Holzer Kobler Architekturen erhielt dafür den Zuschlag. »Aufgabe war es«, so Barbara Holzer, eine der beiden Chefs von Holzer Kobler Architekturen, »die inhaltliche Neuausrichtung des Museums in ein räumliches, mit dem Gebäude korrespondierendes Konzept zu übersetzen und als Ausstellung zu inszenieren. «

Allein die Sichtung der im bisherigen Museum vorhandenen Objekte und die Überlegungen zu deren Eignung für die künftige Ausstellung erforderten in den Jahren 2006 und 2009 zwei ausführliche, je mehrere Monate dauernde Analyserundgänge durch den Bestand der Objekte. Daran anknüpfend folgten die – zunächst gedankliche – Anordnung all dieser Exponate in Vitrinen, auf weiteren Präsentationsplattformen und die Zuordnung zu Räumen nach vorgegebenen »Drehbüchern«, die Auswahl und die Beschaffung von Ergänzungsexponaten (wenn die vorhandenen Objekte für die Realisierung einer Idee nicht genügten) sowie das Entwickeln von technischen Machbarkeitsideen. Das Gewicht eines Panzers musste baustatisch ebenso berücksichtigt werden wie logistisch der Transport einer etwa 14 Meter hohen V-2 innerhalb der Gänge und Treppen.
Auch die Beschriftung von mehreren tausend räumlich-geometrisch völlig verschiedenartigen Exponaten ist eine Mammutaufgabe, die organisiert sein wollte – insbesondere, da die dazugehörigen Texte nicht einfach schon vorlagen, sondern teilweise im Kampf zwischen Formulierungskürze und Erklärungsehrgeiz den wissenschaftlichen Partnern abgerungen werden mussten.

Das Ganze war in planerischer, organisatorischer und ausstellungsbaulicher Sicht eine Herausforderung, vor der hier in Dresden in dieser Weise wohl noch kein anderes Museum stand. Für den Erfolg war Barbara Holzer zufolge »der intensive Austausch und die Kommunikation zwischen allen Beteiligten über mehrere Jahre hinweg entscheidend«. Zu denen gehörte, so Holzer, neben den Ausstellungsgestaltern, Architekten und dem Museumsteam auch ein wissenschaftlicher Beirat.

Eine Herausforderung war auch die veränderte Grundaussage der nunmehrigen Ausstellung im Vergleich zur früheren. Es ist nun kein »Armeemuseum« mehr. Aber ist es ein »Antikriegs-Museum«? Barbara Holzer: »Diese besondere Darstellung der Militärgeschichte als Teil der Kulturgeschichte lässt sich schwer einordnen, da es nicht mit einem klassischen historischen Museum und auch nicht mit einem typischen militärgeschichtlichen Museum vergleichbar ist.« Der von Daniel Libeskind entworfene Neubau (Keil) habe dabei ganz einzigartige Möglichkeiten geboten, unkonventionell zu arbeiten, beispielweise durch die sogenannten vertikalen Vitrinen, die großformatige Exponate und Blickbeziehungen zwischen den verschiedenen Themenbereichen ermöglichen.
Konsequenz des jetzigen Konzeptes ist, dass nun auch Fragen aufgeworfen werden. Ist die attraktive Antikriegs-Show der Schafspelz um den oder der Spiegel vor dem Wolf? Oder verdeutlicht sie, dass der Wolf eigentlich ein Schaf ist? Fragen, die das Vorgängermuseum nicht provoziert hat.

Das Büro Holzer Kobler Architekturen aus Zürich gehört zu den international anerkannten Architekturbüros mit einem breit gefächerten Tätigkeitsfeld, das von Städtebau und Architektur bis zu Szenografie und Ausstellungsgestaltung reicht..

Zu den Erfolgen der letzten Jahre zählen unter anderem das mehrfach ausgezeichnete Besucherzentrum und Aussichtsturm Arche Nebra (2007), mit dem das Büro in Deutschland bekannt wurde, sowie die Dauerausstellungen des Weltnaturerbes Grube Messel (2010). Darüber hinaus gehören zu den Erfolgen in der Schweiz die neue Dauerausstellung im Schweizerischen Landesmuseum (2009) sowie die städtebauliche Planung und Umsetzung für das Suurstoffi Areal in Risch-Rotkreuz mit Funktionen wie Verkauf, Wohnen, Büro.

Mathias Bäumel

(Dies ist ein im Auftrag der Dresdner Neuesten Nachrichten geschriebener Beitrag, der dort auch – leicht gekürzt – in der Ausgabe vom 15./16. Oktober 2011 erschienen ist. Hier der vollständige Text.)

Dienstag, 5. Juli 2011

Wie der Dresdner Sophienkeller Werbung für Sachsen und Dresden macht

(Dresdner Sophienkirche 1880 – rechts – hinter dem Kronentor des Zwingers. Foto: Wikipedia/n/a)

Ort der Handlung: Sophienkeller Dresden.
Zeit: 4. Juli 2011.

Etwa zwölf Personen waren zu einer Geburtstagsfeier in den dortigen »Alchimistenkeller« zum sogenannten Alchimistenschmaus eingeladen – bekommen haben sie nachlässig und unprofessionell dargebotenen Lieblosfraß und ein schmerzendes Beispiel für dummdreiste Geschichtsvermittlung.

Das Essen:

Der »Salat« bestand ganz überwiegend aus rohen Gemüsestücken (Tomate, Zucchini, Gurke), die in eine halbe Paprikaschote gestopft waren. Drumherum das übliche Billig-Allerlei aus ein paar Oliven und eingelegten Peperoni aus dem Glas oder der Plastikpackung. Zwar auf der Karte extra hervorgehoben, befand sich auf meinem Teller lediglich eine einzige, in Ringe zerfallene Scheibe einer roten Zwiebel. Das Ganze war der »Salat« … Zur Erinnerung: Der Begriff »Salat« kommt vom französischen »salade« oder dem italienischen »insalata« her und bedeutet ursprünglich »eingesalzen«, also mit Salz haltbar gemachte oder – im erweiterten Sinne – gewürzte, angemachte Speise. Eine »köstliche Salatsoße« – wie auf der Karte versprochen – war jedoch nirgends auf dem Tisch zu sehen, auch Olivenöl und Essig nicht, Pfeffer- und Salzstreuer funktionierten nur kläglich bzw. waren leer.

Die Suppe im Brotteller (halb Blumenkohl – weiß, halb Broccoli – grün) in den »sächsischen Landesfarben« war genießbar, wenngleich leicht versalzen, und erinnerte an den Geschmack von Brühwürfeln. Trotzdem fühlt man sich für dumm verkauft, denn zu Lebzeiten Augusts des Starken, um die es thematisch überall im Sophienkeller geht, waren Schwarz und Gelb die sächsischen Landesfarben; erst nach 1815 erhielt das Königreich Sachsen die Farben Weiß-Grün …

Und der Hauptgang? Der stand nach einer »Führung« der Gäste durch den Sophienkeller bereits auf den Essensplätzen, kalt statt – wie die Karte verspricht – »heiß serviert«. Die am Spieß befindlichen Wildmedaillons waren zudem keineswegs immer weich und saftig. In der Mitte des Tisches lagerte eine riesige Pfanne wie bei einer Soldatenfütterung im Feldlager, sie enthielt verschiedene fad schmeckende Gemüse und Sättigungsbeilagen in einer solch großen Menge aufgehäuft, dass – nach den Brottellern der Suppe spätestens jetzt – der Eindruck entstand, der Sophienkeller hätte einen Vertrag mit einer Schweinemästerei. Dass der Nachtisch aus ein paar Früchten und einer klebrigen, eklig übersüßen Schokomasse bestand, die weit entfernt von den Standards einer »heißen Schokolade« war und nie flüssig wurde, weil die Teelichter immer wieder erloschen, soll noch erwähnt werden.

Die »Führung«:

Noch einmal zurück zur ominösen »Führung« durch die Gewölbe des Sophienkellers … Was da Kellnerin »Magd Martha« von sich gab, war an Dummdreistigkeit nicht zu überbieten. Der Sophienkeller sei nach der früheren Sophienkirche benannt. So weit, so gut. Die Sophienkirche sei im Krieg so sehr zerstört worden, dass sie unmöglich wieder aufgebaut werden konnte. Hier traute man seinen Ohren nicht. Nicht wieder aufgebaut werden konnte? Kein Wort davon, dass diese bedeutende Kirche – sie war das letzte mittelalterliche Gebäude Dresdens – nach 1945 durchaus hätte gerettet werden können, dass es nationale und internationale Proteste gegen den von der SED-Politik verordneten Abriss gegeben hatte und dass heutzutage nur wenige Meter vom Sophienkeller entfernt mit dem Bau der Gedenkstätte Bußmannkapelle an den barbarischen Abriss der Sophienkirche erinnert wird. Die »Magd Martha« als Gesinnungsvollstreckerin altstalinistischer Propaganda … Als »Martha« dann kühn erklärte, die Kirche habe ihren Namen nach einer Heiligen namens Sophia erhalten (in Wirklichkeit war die Kurfürstenwitwe Sophie von Brandenburg Namenspatronin des Gotteshauses), war das Maß eigentlich schon übervoll… Dass es dann noch dicker kam, konnte man nur noch mit bitterem Humor ertragen. August der Starke sei die einzige Figur, die im Fürstenzug den Betrachter direkt anschaue (vom Gegenteil kann sich jeder Betrachter überzeugen), er habe ja nur ans Fressen und Saufen gedacht, sich aber um Politik und militärische Stärke nicht gekümmert. Deswegen habe er sein großes Festlager in Zeithain abgehalten.

Ein Gutes hatte der Abend dennoch: Nun wissen wir, welches Bild von Dresden und der sächsischen Vergangenheit den Touristen vermittelt wird. Gastronomisch, kulturell, historisch.
Darauf dann doch ein Radeberger (das dort, selbstgezapft, im Laufe der Stunden immer wärmer wurde)! Prost!

Montag, 7. März 2011

Dynamo als Dresden-Botschafter, nicht als unseriösen Krawall-Klub sehen

(Quelle: Dynamo Dresden)

Sommer 2009. Im bulgarischen Weliko Tarnowo versuche ich dem etwa 35-jährigen Besitzer der kleinen Pension zu erklären, woher ich komme: »Dresden.« – »Ah – Dynamo Dresden!«, war die strahlende Antwort.
Ähnliches lief einige Tage später im albanischen Shëngjin ab – »Oh, Dynamo Dresden!« rief der junge Mann, diesmal keine dreißig, spontan aus, als ich seine Frage nach meiner Heimatstadt beantwortete.

Dresden ist eine kleine Stadt, aber auch München ist in Amerika, Südafrika oder Asien nicht wegen der Pinakotheken und der Oper bekannt, sondern – ob das dem Kunstliebhaber nun gefällt oder nicht – wegen des Hofbräuhauses und Bayern München.

Wenn man es in Sachsens Kleinresidenz ernst meint mit einem zukunftsorientierten Dresdner Selbstverständnis und einem schlüssigen Marketingkonzept, sollte man Dynamo Dresden nicht wie ein ungeliebtes Stiefkind behandeln, dem man unwillig und unter Drohungen aus der Patsche hilft. Man sollte den Verein ernst nehmen, dessen Möglichkeiten positiv sehen, dessen Arbeit wohlwollend aktiv mitgestalten und unterstützen sowie dessen Potenzial als weltweiten Dresden-Botschafter erkennen und nutzen.

Doch zunächst gedanklich zwei Jahre zurück. Die Dynamos hatten 2009 – trotz damals schlechter Platzierung – mit etwa 13.500 den besten Zuschauerdurchschnitt in der 3. Liga; mit diesem Wert hätten sie in der 2. Bundesliga fast einen Mittelplatz in der Zuschauerstatistik belegen können. Das zeugt von der hohen Verbundenheit der Dresdner mit ihrer Mannschaft. Und es zeigt, welche Potenzen Dynamo auf dem erwünschten Weg nach oben hat, die auch zugunsten der Stadt genutzt werden sollten.

Es schien absurd, dass trotz dieser Rekordwerte die Existenz der Profimannschaft immer wieder gefährdet war – weil die Stadt Dresden dem „eigenen“ Verein, der sich zu einem international erfolgreichen Dresden-Botschafter hätte entwickeln können, die Luft zum Atmen abdrückte, denn für die Nutzung des Dynamo-Stadions (mittlerweile »Glücksgas-Stadion«) wird eine Miete verlangt, die mehr als zehnmal so hoch ist wie der Durchschnitt in der 3. Liga (Stand 2009 – Angaben nach Stadionwelt).

Die damals vom Finanzbürgermeister Vorjohann aufgemachte Forderung, man müsse die durch das neue Stadion ermöglichten Mehreinnahmen dagegen rechnen, erinnert an realsozialistische Wirtschaftspolitik. Mehreinnahmen waren in der DDR nach oben abzuführen und konnten nicht für eigene Investitionen genutzt werden. Die Betriebe konnten strampeln wie sie wollten, eine reale Chance hatten sie nicht.

Dass solche Mehreinnahmen Dynamo-geboren sind, ist allein schon angesichts der großen Zuschauerzahlen klar. Und dass Dynamo mehr Einnahmen dringend benötigt, vor allem für Investitionen im sportlichen Bereich, wird gerade jetzt deutlich, da – wie es aussieht – kaum ein zweitligatauglicher Spieler bei Dynamo gehalten werden kann; zum jetzigen Zeitpunkt (4. März 2011) ist Strifler bereits weg, und Hübener, Esswein, Schahin, Jungwirth und Fiél sind wohl kaum zu halten. Das hieße: Die Tretmühle der dritten Liga ginge weiter – für alle Beteiligten, auch für die Stadt, eine Sisyphos-Arbeit und ein finanzieller Balanceakt. Aber erst wenn Dynamo konstant zum vorderen Drittel der 1. Bundesliga gehört, kann der Verein seine Dresden-Botschafter-Funktion sogar weltweit erfüllen, gleichzeitig aber eine Stadionmiete wie im Fußball-Oberhaus üblich zahlen – beides zugunsten der Stadt.

Unterdessen hat sich Anfang März 2011 etwas getan: Die Stadt Dresden will für die kommenden zwei Spieljahre jährlich 3,29 Millionen Euro zu den Mietkosten für das Glücksgas-Stadion »zuschießen«. Das ist jährlich eine Million mehr als bisher, was für Dynamo Entwicklungsmöglichkeiten schafft, die nun verantwortungsvoll und zügig genutzt werden müssen.

Trotz dieser positiven Nachricht bleiben Zweifel: Noch immer klingt in den Diskussionen die Auffassung durch, hier werde einem unseriösen Krawallklub aus der selbstverschuldeten Patsche geholfen, und dies ungern und wegen der vorhandenen Zwänge nur notgedrungen.

Ginge es nach einigen Stadtpolitikern, würden Dresdner, in Albanien, Bulgarien, Italien, Südafrika oder den USA nach ihrem Woher befragt, sogar 2020 noch die niederschmetternde Gegenfrage zur Antwort erhalten: »Dresden – what fucking jerkwater town is it?« Und ein paar Freizeitkicker mit dem D auf der Brust würden in der Stadtliga dem Ball hinterher rennen.

Juni 2020. Hotel »Malibran« in Venedig, Hotel »Bairro Alto« Lissabon, beim Ökobauernhof Abram auf dem slowenischen Nanos, im Gastraum des Valtelehofs im Südtiroler Passeiertal, im Café »Mondial« in Tirana, im »Magnaura«-Café in Istanbul, ja sogar in der Pförtnerloge eines Londoner Parkhauses – überall flackern und leuchten auf den Fernsehbildschirmen im Sportprogramm ein und dieselben Bilder: Man sieht den Dresdner Altmarkt, vollgestopft mit zehntausenden jubelnden Menschen, im Hintergrund der Balkon des Kulturpalastes, auf dem die Dynamo-Spieler den Meisterpott hochhalten, und der 74-jährige Guus Hiddink ruft nach seinem allerletzten Spiel als Trainer mit sich vor Freude überschlagender Stimme ins Mikrofon: »Heute sind wir die Besten von Deutschland, und nächstes Jahr – vielleicht – von ganz Europa!« Dann geht seine Stimme im Jubellärm unter.

Mathias Bäumel

Mittwoch, 27. Oktober 2010

Theremin- und Video-Avantgarde in Dresden

Am 4. November konzertieren Eric und Mary Ross mit Günter Heinz in der Blauen Fabrik

(Mary Ross: Self Portait, Cibachrome Photograph, 1979)

Die Kunstavantgardisten Eric und Mary Ross kommen aus den USA nach Dresden. Am 4. November 2010 (20 Uhr) treten der Theremin- und Elektronik-Vorreiter und die Foto- und Video-Künstlerin gemeinsam mit dem Posaunisten Günter Heinz in der Blauen Fabrik auf. Das Konzert gehört zur zweiten Staffel des 2010-er Festivals Frei Improvisierter Musik.

Der als Elektronik-Legende geltende Eric Ross realisiert seit mehreren Jahrzehnten weltweit gemeinsam mit seiner Frau Multi-Media-Konzerte mittels Klavier, Gitarre, Synthesizern, Theremin und Video-Art. Dabei war es für beide von Anfang an selbstverständlich, dass es Fortschritt in der Kunst und eben auch in der Musik nicht durch die Vermeidung von moderner Technik, sondern nur durch die angemessene Nutzung und Einbeziehung neuer Technik geben kann. Ross war schon in frühen Jahren ein persönlicher Freund des Erfinders Robert Moog, dessen Neuentwicklungen auf dem Gebiet elektronischer Instrumente (Moog-Synthesizer) er aus erster Hand erhielt und in seine Klangwelten einbaute. Auch die Nutzung des allerersten „elektronischen“ Instrumentes überhaupt, des Theremins, belegt Erics Grundhaltung, für die er überall anerkannt und gar geehrt wird. So war er Master Teacher beim First International Theremin Festival, und er schrieb auch Kompositionen für Theremin – sowohl für das Instrument solo als auch eine Overtüre für sage und schreibe 14 Theremins!

Die Musik, die in Dresden vorgestellt wird, ist improvisiert, enthält aber durchaus Elemente nicht nur des Jazz, sondern auch der Klassik, der seriellen Musik und der zeitgenössischen Avantgarde.

Die Video-Kunst von Mary Ross, die zur Musik projiziert wird, ist nach den musikalischen Abläufen und Strukturen ausgewählt, arrangiert und organisiert. Mary Ross gilt als Pionier der Digitalfotografie. Bereits in den frühen siebziger Jahre nutzte sie Video-Technik und Computer, um Fotos – also Digitalfotokunst – zu schaffen. Viele dieser einzigartigen Werke befinden sich in Kunstsammlungen, Bibliotheken und Galerien weltweit, von Paris, Zürich, Cambridge, Kopenhagen und New York.

Mit seinem Konzept der „Wetware Trombone“ entwickelte Günter Heinz schon vor knapp zwanzig Jahren einen spezielle Spielweise des Instruments Posaune, mit der er neue Klangräume erkundet. Das erreicht der Künstler mittels neuer Spieltechniken, wie etwa dem Ansaugen von Tönen, durch die Verwendung von elektronischen Transformationen, aber auch durch das Spiel in speziellen Räumen, wie etwa in Kirchen, unterirdischen Hohlräumen, ja sogar unter Wasser. Angeregt durch seine Konzerte in den Toscana-Thermen in Bad Sulza und Bad Schandau entstand seine Idee, die dort gefundenen Klänge mit denen des Theremin zu verbinden.

Mit Eric Ross fand Günter Heinz einen Virtuosen dieses Instruments. Dass beide über Erfahrungen nicht nur in der freien Improvisationsmusik, sondern auch im neuen Jazz verfügen, könnte dem Konzert einen weiteren Zusammenhalt geben. Denn Eric Ross war auch im Jazz erfolgreich, er spielte mit solchen Größen wie John Abercrombie, Larry Coryell, Andrew Cyrille, Oliver Lake, Leroy Jenkins, Byard Lancaster und den Blues-Legenden Champion Jack Dupree, Lonnie Brooks, Sonny Terry, Brownie McGhee and BB King. Auftritte beim Jazzfestival in Montreux und beim North Sea Jazz Festivals waren Meilensteine seiner Karriere. Dass Ross Gastmusiker auf AQi Fzono's „Cosmology“-CD war, angeblich der meistverkauften Platte in Japan überhaupt, soll nicht unerwähnt bleiben.

Mathias Bäumel

„Festival Frei Improvisierte Musik“, Teil 2,
Blaue Fabrik, Donnerstag, 4. November 2010 (20 Uhr)
Günter Heinz, Eric Ross, Mary Ross
Karten zu 12 Euro (ermäßigt 8 Euro) an der Abendkasse.

Montag, 20. September 2010

Haben die Jazzer gekniffen?

Der Jazzclub Neue Tonne veröffentlicht eine Broschüre zum Wende-Jazz in Dresden

Es ist zweifelsohne der bessere Weg: Erinnern und überlegen statt polemisieren und denunzieren. Schon Titel und Untertitel stecken den Rahmen für eine Broschüre ab, die jetzt vom Jazzclub Neue Tonne vorgelegt wird und sich mit dem „Jazz in Dresden rund um die politische Wende“ beschäftigt. „Streiflichter – Erinnerungen und Überlegungen“ sind die gerademal 55 Seiten benannt. Kein brisantes Enthüllungswerk ist es geworden, sondern das übersichtliche Bündeln von übersichtlichen Ereignissen, gipfelnd im Jahr 1989.

Viviane Czok-Gökkurt, die zum Thema eine hier Grundlage bildende Magisterarbeit verfasst hat, und der Dresdner Journalist und Jazzkenner Mathias Bäumel streifen als Textautoren im wahrsten Sinne des Wortes das, was den Klassiker Jazz im Veranstaltungsgeschehen populärer Musik der Spät-DDR ausgemacht hat, wie er sich über die brisanten Wochen hinweg präsentierte und wohin er führte. Das Vorhaben wurde maßgeblich vom Hannah-Arendt-Institut gefördert, allzu neue Erkenntnisse über den „Totalismus“ dürften dabei ausgeblieben sein. Und so wird „Streiflichter“ selbst zum Streiflicht.

Helmut Gebauer, Vorsitzender des Neue-Tonne-e.V., gelingt es auf vortreffliche, nahezu essayistische Art, in seinem Vorwort das Ansinnen des Projekts mit weiter greifenden Gedanken zu untersetzen, vor allem auch, wenn er schließt: „Neigt der Jazz zu unpolitischem Ästhetizismus? Darüber sollten wir nachdenken.“ Denn auf den folgenden Seiten wird deutlich, dass sich die meisten aktiven Jazzer aus allen, Mut erfordernden politischen Aktivitäten der „heißen Tage“ herausgehalten haben. Die mittlerweile legendäre September-Resolution von Populär-Kulturschaffenden der DDR sah so gut wie keine Jazzmusiker unterzeichnen, aus Dresden nicht einmal Musiker. Wobei der Gerechtigkeit halber erwähnt werden muss, dass in den Wohnungen von Unruhigen sehr wohl an eigenen, den Geist der Berliner Kollegen unterstützenden Stellungnahmen gearbeitet wurde, so besonders im Umfeld der Rockband Zwei Wege. Haben die Jazzer gekniffen? Man sollte sie danach fragen.

„Streiflichter“ gliedert sich in das Auflisten politischer, zumeist auf Dresden bezogener Fixpunkte und untersetzt diese mit Bezügen, wenn möglich, zum Jazz, aber durchaus auch zum Privaten. Die Edition schlägt eine Brücke von 89er Veranstaltungen in der Tonne hin zu 2009, als das Projekt „Wendejazz“ mit zwei thematischen Konzerten und einer Ausstellung initiiert wurde. Das Büchlein verlagert relevante Diskussionen und Gespräche zurück auf die vor allem persönliche Ebene. Es ist wohl der beste Weg in einem Land, das sich in Sachen gepflegter Streitkultur kaum von der Stelle bewegt. Jetzt, 20 Jahre danach, wo die meisten, die es wirklich wollten, ihre „Akte(n)“ gesehen, Klarnamen entdeckt und autonom ihre Entscheidung getroffen haben, was sie damit anfangen wollen. Insofern ist jene Stelle etwas unglücklich, da im Versuch, Strukturen der Stasi-Infiltrierung des Kulturbetriebs zu benennen, doch noch zwei IM quasi als Ross und Reiter gleichermaßen auftauchen, während andere mit einem „XY“ eher angemessen davonkommen. Das wäre verzichtbar gewesen.

Ohne die inhaltlichen Aspekte gering zu schätzen: Eine wunderbare Aufwertung bekommt „Streiflichter“ durch die Optik. Bis auf eine Ausnahme sind von den 1989er Tonne-Veranstaltungen keine Fotos mehr vorhanden. Einer, der zu dieser Zeit viel fotografiert hat, der zudem als Zuhörer im guten Sinne Jazz war, ließ seine Arbeiten vernichten, bevor ihn eine schwere Krankheit 1999 in die Knie zwang: Jürgen Haufe, Grafiker, Maler. Undatierte, unsignierte und bislang unveröffentlichte Skizzen wurden von Gestalterin Kerstin Hübsch im guten Sinne zusammengepuzzelt, so, dass sie weit mehr als illustrieren, sondern das gesamte Konzept mittragen. Denn, was anders als Streiflichter hat der großartige Künstler und Mensch Haufe mit Papier und Bleistift geschaffen?

Andreas Körner

„Streiflichter“ gibt es zum Preis von fünf Euro im Sweetwater Recordstore Dresden-Loschwitz sowie zu den Veranstaltungen im Jazzclub Neue Tonne.

(Das Original des Artikels erschien zuerst in den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 18./19. September 2010.)